Dr. Bernd Ulrich    Historiker und Autor
 
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Leseproben

 

Aus:Der Erste Weltkrieg, in: Atlas der Globalisierung – Le Monde diplomatique,
September 2011, S. 10 – 11, S.10:

Am 28. Juni 1914 erschoss der serbische Nationalist Gavrilo Princip den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau. Schlagartig war damit erneut deutlich geworden, wie groß das Machtvakuum auf dem Balkan aufgrund des hier seit Mitte des 15. Jahrhunderts herrschenden, nun aber schwächelnden Osmanischen Reiches geworden war. Dieses Vakuum ermöglichte nicht allein der Gründung neuer Nationalstaaten wie etwa die von Serbien. Es diente auch den Interessen Russlands und Österreich-Ungarns, das bereits 1908 Bosnien und die Herzegowina annektiert hatte. Russland hingegen agierte unter dem Deckmantel des Panslawismus als Schutzmacht kleinerer slawischer Völker und Staaten. Die komplizierte Lage blieb überdies eingebettet in ein komplexes Bündnissystem, bestimmt von den damaligen Großmächten: Deutschland und Österreich-Ungarn auf der einen, Großbritannien, Frankreich und Russland auf der anderen Seite. Zwar dienten die Bündnisse der Abschreckung, aber sie bargen auch die Gefahr, dass aus jedem regionalen Konflikt ein internationaler Krieg entstehen konnte. Ein Risiko, das seit Ende des 19. Jahrhunderts im Kontext zunehmender imperialistischer Machtpolitik und eines forcierten Rüstungswettlaufs noch gewachsen war. Zugleich hatte sich in den Führungsstäben europäischer Armeen eine Art „Kult der Offensive“ durchgesetzt. Jeder noch so unbedeutende Konflikt sollte genutzt werden, um in einem kurzen, aber heftigen Krieg gegen mögliche Gegner eine militärische Vorentscheidung herbeizuführen.


 

Aus: Herausgeber, zusammen mit Ursula Breymayer,
Unter Bäumen. Die Deutschen und der Wald,
Sandstein Verlag, Dresden 2011, S. 17:

Am Anfang waren nicht die Schrift und das Wort, sondern das Bewahren und Vermessen. Gerade in dem von uns behandelten Zeitraum seit dem Ende des 18. Jahrhunderts fand der vermessene Wald in den deutschen Ländern seinen eigentlichen Ort. Gemeint sind damit die Anfänge der Forstwissenschaft, als deren Begründer die „Forstwissenschaftlichen Klassiker“ gelten, sechs zunächst ganz der waldwirtschaftlichen Praxis verpflichtete Gelehrte. Ihr Wirken und ihre nach 1800 über Schüler in die Welt ausstrahlenden Wirkungen müssen als Teil einer komplexen Entwicklung begriffen werden, die vor dem Hintergrund einer teils realen, teils aber auch bloß vorgeschobenen, interessegebundenen „Holznot“ an Profil gewinnt und ab 1790 in einer Vielzahl von Publikationen beschworen wurde. Tatsächlich boten die Wälder Deutschlands wie Mitteleuropas insgesamt nach dem Wüten des Dreißigjährigen Krieges ein Bild der Vernachlässigung, wenn nicht der Verwüstung. Zugleich aber wuchs dank des wirtschaftlichen Wachstums im 18. Jahrhundert der Holzbedarf etwa von Bergwerken, des Hütten-und Salinenwesens oder der Glasbetriebe massiv an. Die rationale Bewirtschaftung des Waldes, die forstökonomisch begründete Aufforstung auf der Grundlage des 1713 durch den sächsischen Oberberghauptmann Hannß von Carlowitz eingeführten Begriffs der „Nachhaltigkeit“ – das schien das Gebot der Stunde. Und es zeigte Wirkung; kaum jemand hat dies für die Veränderungen im Wald zwischen dem Ende des 18. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts so genau auf den Punkt gebracht wie der Forstwissenschaftler Gerhard Mitscherlich (1911 – 2007): „Im Walde, in dem es Jahrhunderte hindurch vom Hundegebell und Hörnerklang der höfischen Jagden, von dem Geschrei der Viehhirten, (…), geschallt hatte, wo allenthalben die Kohlenmeiler, die Teer- und Aschengruben geraucht, die Schmelzöfen gequalmt hatten, wurde es nach und nach still. Es war nun nicht mehr Lebensraum, wie bisher, sondern wurde Stätte einer planmäßigen, systematischen Holzproduktion, die nur noch möglichst wertvolles Holz liefern sollte.“


 

Aus: Kalenderblatt „Der Dramatiker und Schriftsteller Arnolt Bronnen“
Deutschlandfunk v. 12.10.2009:

… An Gewalt hatte es im Elternhaus nicht gefehlt. Bereits als Jugendlicher schrieb Bronnen dagegen an. Im Ersten Weltkrieg, zunächst Freiwilliger in einem ordinären Infanterieregiment, endlich bei den Südtiroler Kaiserjägern, geriet er 1916 an der Dolomitenfront schwer verwundet in italienische Gefangenschaft. Das dort verfasste, später umgearbeitete, aber nie aufgeführte Stück „Sturmpatrull“ gibt ein brillantes, wortmächtiges Zeugnis davon.
Wortmächtig blieb Bronnen auch nach seiner Wende ins Lager der nationalistischen Rechten. Er suchte den Schulterschluss – nicht selten so überzeugend wie in einem Monolog der „Rheinischen Rebellen“ von 1925, hier gesprochen von der Schauspielerin Claudia Michelsen in der Inszenierung von Frank Castorf 1992 an der Berliner Volksbühne:
O-Ton: Wir sind begnadet, in einem großen Volke zu sein. Das Schicksal goss es in uns. Die Leidenschaften schwanken, die Kulturen wachsen in den Wahnsinn, die Wirtschaft wird alles vertiefen, die Technik wird alles erhöhen. Die Größe bleibt. Sie kann nicht verloren gehen. Wir haben die Erstgeburt, wir verschachern sie nicht.
Sprecher: Ende der zwanziger Jahre lernte er Joseph Goebbels kennen und schätzen. Der hatte ihn für seinen 1929 publizierten, bluttriefenden Freikorpsroman O.S. – Oberschlesien – gelobt.
Zitat: Eine gute Nachricht
Sprecher: so höhnte Kurt Tucholsky in seiner Besprechung zu Recht
Zitat: Eine gute Nachricht, heißt es in einem unsterblichen Wort des Lord Northcliffe, enthält dreierlei: Blut, Vagina und Nationalflagge. - Zur Stelle, sagt Bronnen.
Sprecher: Die Sucht nach der Nähe zur Macht bekam ihm nicht gut. Nach 1933 denunzierte er jüdische Kollegen und publizierte öffentliche Ergebenheitsadressen. Die Anbiederungen haben ihm am Ende nichts gebracht. Verfolgt vom NS-Ideologen Alfred Rosenberg, der in ihm wie in seinem Gönner Goebbels nichts als „Schmieranten“ vermutete, schließlich als „Wehrkraftzersetzer“ kurzzeitig in Haft, gehörte er am Ende des Krieges in seiner österreichischen Heimat dem kommunistischen Widerstand an. …


 

Aus: In spaßiger Hoffnungslosigkeit. Thomas Mann und das bundesrepublikanische Bürgertum
in: Neue Rundschau, H.3 / 112.Jg., 2001 (S. Fischer Verl.), S.110-124, S.110:


„Als sich 1965 der Todestag Thomas Manns zum zehnten Male jährte, notierte ein Kritiker eine bemerkenswerte Analogie: er verglich die Familie des Schriftstellers in ihrer Gesamtheit mit den „Hesselbachs”, einer damals berühmten Fernsehfamilie. Deren hessisch-mundartlich geprägte häusliche Idylle – gruppiert um den „Babba” – kam ihm wie die zeitgemäße, kleinbürgerliche Umsetzung des großbürgerlich agierenden Familienverbandes der Manns vor. Erika Mann zeigte sich „hocherfreut” über diesen Vergleich. Der genaue Grund dafür bleibt im Dunkeln. War es die überaus massive Popularität der Hesselbachs – Einschaltquoten von bis zu über 90% –, mithin der aus dem Vergleich sich ergebende und durch die Verkaufszahlen belegte Umkehrschluß, das Wirken der Manns im allgemeinen und das Werk des Vaters im besonderen erfreuten sich großer Anerkennung und weiter Verbreitung? Und das nach allem, was geschehen war mit Thomas Mann, der nie heimgekehrte Emigrant, dessen „Dilemma” in den Zeiten des Kalten Krieges es war, „kein Kommunist, aber auch kein Antikommunist zu sein.” Oder goutierte sie vor allem – angesichts der eigenen Familie und ihren Verbindungen zur Zeitgeschichte – die offensichtliche Attraktivität des Privaten in der Öffentlichkeit, die von den Hesselbachs so quotenträchtig dargestellt wurde? Dann allerdings ist diese Freude nur erklärlich aus der Unkenntnis dessen, was noch alles kommen sollte, von den Intimitäten der väterlichen Tagebücher auf der einen und der Event-Authenzität von Container-Entblößungen auf der anderen, der medialen Seite.
Wie auch immer – und ohne den Vorgang überzustrapazieren – in der kleinen Anekdote aus den sechziger Jahren dokumentiert sich so etwas wie die Ankunft hanseatisch-patrizischer Großbürgerlichkeit in der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft” der Bundesrepublik. In ihr – so schien es – hatte sich im Leitbild des Kleinbürgers verflüssigt, was einst im Bürgertum als Klasse so festgefügt wirkte und wie es in den „Buddenbrooks”, zumindest für die Generation der Väter, geschildert worden war.“

 

 

Aus: Stalingrad, München (Beck Verlag), Reihe Beck Wissen, 2005, S. 7:


„Wenn es dunkel wird bei Stalingrad kommen die Dealer!“ Stalingrad – ein historisches Ereignis, ein geschichtlicher Ort, dem das unbefangene Publikum immer wieder begegnet, wie etwa in diesem ersten Satz eines Zeitungsartikels vom April 2004. Als mittlerweile längst vergangener Name für eine Stadt ist „Stalingrad“ ebenso im Umlauf wie als Chiffre für eine Schlacht, als Mythos einer untergegangenen, zuvor schmählich verratenen und als unbesiegbar geltenden Armee – oder eben auch als bloße Bezeichnung für eine Pariser Metrostation im 19.Arrondissement, die in Erinnerung an die Schlacht seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges so heißt. Und natürlich nutzt der Frankreich – Korrespondent des Schweizer „Tagesanzeigers“ in seinem Bericht den Namen „Stalingrad“ als Aufhänger. So kann dem in diesem Stadtteil ansteigenden Drogenkonsum und der damit einhergehenden Beschaffungskriminalität, über die er berichtet, von vornherein jener düstere Anstrich verliehen werden, der die Zeitungskonsumenten geradezu zwingt, den Artikel nicht nur ´anzulesen`“.

 

 

Aus: Feuersbrunst und große Flut. Streifzüge durch die Hamburger Speicherstadt vor ihrer Verwandlung in Disney-City
in: Frankfurter Rundschau v. 3.8.2002:


„Selbst ein trüber Regentag, von denen der Juli in diesem Jahr so viele bereithält, vermag die imposanten Konturen der Hamburger Speicherstadt nicht zu schmälern. Südlich der Altstadt, auf der Kehrwieder-Wandrahm-Insel gelegen, erheben sich ihre Ziegelbauten, versehen mit Türmchen und Spitzbögen, mit Erkern und Söllern, mächtig über Fleete, Kanäle und zahlreiche Brücken. Eigentlich stellen ihre Fassaden im Stil der Backsteingotik unter den Industrie- und Gewerbebauten der Gründerzeit, namentlich in Norddeutschland, kaum etwas Außergewöhnliches dar. Doch in solcher Ausdehnung und - erstaunlich genug - ihrer teils nach 1945 rekonstruierten Geschlossenheit bleibt diese „Stadt in der Stadt” auf rund 350.000 qm weltweit einzigartig.“

 

 

Aus: Wir erinnern – Gustav Radbruch,
Deutschlandfunk v. 21.11.2003:


„´Ich wurde Sozialdemokrat, weil diese Partei eine vernünftige, vorsichtige und redliche, verantwortungsvolle und phrasenlose Politik trieb. Nur eine solche nüchterne und glanzlose Politik konnte Deutschland durch die schwere Zeit nach 1918 hindurchretten.`
Das ist ein seltener Beleg der Zuneigung zur SPD, heute zumal, aber vor allem in den schwierigen zwanziger und dreißiger Jahren des 20.Jahrhunderts. Er stammt von Gustav Radbruch, geboren am 21.November 1878 in Lübeck, Jurist, Rechtsphilosoph, Strafrechtslehrer, Justizminister, Literatur- wie Kunstkenner und – Sozialdemokrat. Eine bemerkenswerte Kombination, bemerkenswert vor allem deshalb, weil sich mit Radbruch ein Angehöriger des traditionell eher konservativ-liberalen Bürgertums dem Sozialismus öffnete und – noch erstaunlicher – bereit war, dieser Überzeugung auch in den Niederungen des politischen Alltags treu zu bleiben. Er war einer der wenigen deutschen Juristen, die inmitten einer Mehrheit von monarchistischen oder deutschnationalen, in jedem Falle aber republikfeindlichen Fachkollegen das Banner von Republik und Demokratie hochhielten.“

 

 

Aus: „Gewinner und Verlierer. Stationen der deutschen Unterschichtendebatte”,
Deutschlandfunk, DLF, 17.5.2007:


„Um dieses Problem in seiner Tragweite zu begreifen, ist der Blick in eine nahe Zukunft sinnvoll, die uns der Schriftsteller Joachim Zelter in seinem jüngsten Roman ´Schule der Arbeitslosen` eröffnet. Im Jahr 2016, so das von Zelter entwickelte Sujet – vorgetragen in kühler Sprache und vielfältig angereichert mit den gängigen Anglizismen vorgetäuschter Weltläufigkeit – in dieser nahen Zukunft also wird das in seiner Zahl noch angewachsene Heer der Arbeitslosen in sogenannten Fortbildungslagern konzentriert. Sie finden sich auf manchen der zahlreichen Industriebrachen, die an den Peripherien der Städte nach wie vor als so stumme wie trostlose Zeugnisse einstiger Vollbeschäftigung stehen. In einer dieser von allem Fortschritt abgehängten Areale, ´in einem niedergegangenen Industriegebiet` siedelt Zelter seinen Ort des Geschehens an: ´Das Gebäude wurde provisorisch renoviert – aufgeteilt in einzelne Räume und Zwischenräume: ´coaching zones`, ´training points` , ´recreation sectors`. Im ersten Stock Schlafräume, Waschgelegenheiten und Duschen.` Vor des Lesers Augen entsteht so der aktuelle genius loci einer Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit abhanden gekommen ist, eine Schulungsstätte neuer Art, in Zelters Roman organisiert von der ´Bundesagentur für Arbeit` in einer Mischung aus NAPOLA- Schule und Sekten-Hauptquartier. Ihr Sein und Tun dient nur einem Ziel: vermeintliche Arbeitsversager werden in halbmilitärischem Ambiente mit Psychoterror und kruder Erpressung zu ausgebildeten und sogar zertifizierten ´Bewerbern` geformt.“

 

 

Aus: Herausgeber, zusammen mit Dorlis Blume und Ursula Breymayer,
Im Namen der Freiheit – Verfassungen und Verfassungswirklichkeit 1849 - 1919 - 1949 - 1989,
Sandstein Verlag, Dresden 2008, S. 243:


„Am 30. Januar 1933 war Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden. Zunächst schien es so, als ob die von ihm angeführte Koalitionsregierung aus NSDAP und DNVP die Politik der drei vorausgegangenen Präsidialkabinette fortsetzen würde. Doch Hitler und seine Partei hatten vor allem ein Ziel vor Augen: Die vollkommene Auslöschung des verhassten ´Systems von Weimar`. Eine Entwicklung, die sich auch auf der staatssymbolischen Ebene schnell offenbarte. Zu einer der frühen, von Hitler und seinen Gesinnungsgenossen initiierten Verordnungen gehörte der Flaggenerlass vom 12. März 1933, nach dem, wie es hieß, ´bis zur endgültigen Regelung der Reichsfarben die schwarz-weis-rote Fahne und die Hakenkreuzflagge gemeinsam zu hissen sind.` Mit einem ´Reichsflaggengesetz`, das zu den drei im September 1935 verabschiedeten ´Nürnberger Gesetzen` gehörte, wurde schließlich die Hakenkreuzfahne zur Reichs-, National- und Handelsflagge bestimmt, während die Fahne des Kaiserreichs und deren Schwarz-Weiß-Rot als Reichsfarben galten.

Bedeutsamer noch war die seit dem 30. Januar schnell vorangetriebene Außerkraftsetzung des Rechts. Die Inanspruchnahme der durch die Verfassung eingeräumten Notverordnungen, mit denen sich die Regierung im Zusammenspiel mit dem Reichspräsidenten besondere Kompetenzen und Rechte einräumte, diente nun als vorgeblich legales Mittel, um die tragenden Pfeiler des Verfassungsstaates zum Einsturz zu bringen. Binnen kurzem war das Deutsche Reich kein Rechtsstaat mehr. Es war kein Zufall, dass einer der frühen und bekanntesten Flüsterwitze im ´Dritten Reich` den alsbald von der nationalsozialistischen Führung empfohlenen ´Hitler Gruß` in eigener, doppeldeutiger Weise verstand: ´Was ist der deutsche Gruß? Der deutsche Gruß ist zu erweisen durch aufgehobene Rechte`.“

 

 

 
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